Dienstag, 30. Oktober 2007
Das Lächeln der Zahnlosen
Morgenvisite.
Die neunzigjährige Patientin lacht uns mit zahnlosem Lächeln an. Sie lacht und lacht. Sie ist völlig dement, weiß nicht mehr was sie sagt, aber lacht.
„Ab und zu weiß sie ihren Namen, aber auch nicht immer, eigentlich weiß sie gar nichts...“
Was macht sie hier im Krankenhaus?
Die Angehörigen sind unzufrieden weil sie angeblich in der letzten Zeit schlechter drauf sei als sonst...
Also gut, die Angehörigen sind mit der Pflege überfordert. Oder sie wollen einfach eine Verschnaufpause.
Das ist ein verständlicher und legitimer Einweisungsgrund, aber wir müssen jetzt kreativ sein und uns eine Diagnose aus den Fingern saugen....
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Montag, 29. Oktober 2007
rrrumms....
Nachts um zwei geht der Piepser.
Frau Z. ist aus dem Bett gefallen.
„...wir haben einen Knall gehört und dann lag sie etwa einen Schritt vom Bett entfernt, aber Kopf in die andere Richtung?“
Ich gehe rauf.
„Was hat denn die?“
„Lungenkrebs im Endstadium...“
Sie atmet noch. Schnappatmung. Nicht mehr ansprechbar. Reagiert auch nicht mehr auf Schmerzreize. Keine Prellmarken, keine Hämatome, keine Blutung....
„Wie fit war die denn noch?“
„Vor zwei Stunden war sie noch ansprechbar...“
„Ist die wirklich aus dem Bett gefallen?“
„Wohl eher aufgestanden und dann kollabiert...“
„Rufen wir die Angehörigen an!“
„Wir haben aber keine Nummer!“
„Okay, lassen wir es...“
Zwei Stunden später ist sie dann tot.
Chef hört das gar nicht gern.
„Na, dann erklären Sie das mal den Angehörigen! Und denken Sie sich eine gute Geschichte aus wegen des Sturzes....“
Eine Stunde später sind Sohn und Schwiegertochter da. Ich drücke ihnen diskret die Hand. Sie bedanken sich bei mir, kein Wort des Vorwurfs.
„...dann hat Oma es endlich geschafft! Wenigstens hat sie nicht lange leiden müssen!“
Ich bin beschämt.
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Donnerstag, 25. Oktober 2007
Aderlass
Abends so gegen zehn taucht dieser distinguierte Mitsechziger bei uns in der Ambulanz auf.
„Mich drückts so im Kopf!“ sagt er.
Aha.
Das hat er übrigens öfters. Dann geht er zum Hausarzt und der Hausarzt macht dann immer einen Aderlass.
Aha.
Aber der Hausarzt hat gerade Urlaub und die Vertretung taugt nix also dann lieber ins Krankenhaus, und das hat den Vorteil dass man bedenkenlos auch abends um zehn aufkreuzen darf.
Aha.
Die junge Kollegin hat gerade Dienst, jung, hübsch und lieb und frisch von der Uni und bemüht, es allen Recht zu machen.
„...also gut, ich habe ihm einen halben Liter Blut abpunktiert und dann eine Infusion angehängt...“ sagt sie morgens bei der Übergabebesprechung.
Chef schaut ein wenig verstört.
„Hätte ich das nicht machen sollen?“
„Na ja... Aderlässe waren vor zwanzig, dreißig Jahren mal populär...“
„Aber der Hausarzt...“
„Hat seit zwanzig, dreißig Jahren nichts mehr dazu gelernt!“
„Der Hausarzt könnte ihn doch auch zum Blutspenden schicken!“
„Nun ja... dann kann er aber nichts abrechnen!“
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